Neuer Zirkus richtet sich unmittelbar gegen sentimentale Vorstellungen.
Die schwermütige Lesart eines Fellini macht einer Herangehensweise
Platz, die dem Zeitgeist viel näher steht. Wie läßt sich
dementsprechend der Stil des Trios Que - Cir - Que interpretieren, der
die Lust (frz. Désir) im Raum zirkulieren läßt? Das was
sich mit diesen Akrobaten entlädt, um das eigentliche Thema beim Namen
zu nennnen, ist das "Begehren an sich" - als Form des Austauschs notwendiger
Kommunikation. Man erkennt es am Bruch mit der Verschlüsselung von
Zeichen, die einst das ungeschriebene "Gesetz der Lust" markierten. Die
Variationen rund um die Diskontinuität zwischen maskulin und feminin,
die Reversibilität geschlechtlicher Erscheinung, der spielerische
Einsatz und ebenso das gestische Denken zur Aneignung einer Disziplin erscheinen
im klassischen Zirkus kunstvoll verschwommen in einer bestimmten Kultur
von Archetypen. Eine sanfte Erotik bewahrte immer Zurückhaltung, die
inneren Beziehungen waren mit einem Nimbus versehen und die Konflikte zählten
weniger als das Gelingen technischer oder akrobatischer Verknüpfungen.
Die Protagonisten des Que - Cir - Que, Emmanuelle Jaqueline,
Hyacinthe Reisch und Jean-Paul Leveuvre, alles Ehemalige des Cirque O,
sind im Gegensatz dazu in der Lage, das Verlangen selbst zum Stoff ihres
Spektakels zu machen. Die gleichnamige Gruppe dekliniert eine Serie von
Figuren, bei der die Ziffer Drei als Vorgabe dient für eine unablässig
um einen zentralen Mast kreisende Choreographie über die körperliche
Anziehungskraft. Dieser Mast bewirkt fatalerweise die Möglichkeit
eines Fiaskos innerhalb der Begegnung; die dazumal reibungslose Perfektion
einstiger Akrobaten, die sich mit ihrer eigenen physischen Virtuosität
zu identifizieren schien, wird mittels der Mechanik des Begehrens bezwungen.
Indem er sich mit diesem Thema auseinandersetzt, gibt sich Que - Cir -
Que die Blöße, das heißt, die Gleichung zwischen menschlicher
Natur und Begehren, die Projektionsfläche, die jeder mit Zeichen versieht,
verzichtet auf den asexuellen Raum ihrer Vorgänger.
Man könnte
nun ausführlich das Sichtbarwerden dieser radikalen Veränderung
in Beziehung zum Körper inventarisieren und auf diese Weise mit dem
unausweichlichen Verhältnis zur Gewalt beginnen, d.h. rein "physisch"
zu spielen, ohne die Frage der Macht zu berühren, ohne eine Verhaltensmaßregel
oder einen Herrschaftscodex aufzustellen. Als einer der Männer eine
Strafe austeilt, klebt er seinen Rivalen kopfüber an den Mast, und
man staunt weniger über die Aggression als den oftmals komischen Ritus
der Kommunikation. Que - Cir - Que handelt von "begehrlichen Geräten",
die miteinander kämpfen, sich gegenseitig ergründen und versagen,
so sie auf die Lust des anderen prallen.
Que-Cir-Que stellt sein Überspanntsein,
das als Ungeschicklichkeit in Erscheinung tritt, jedoch niemals auf die Stufe einer
blutrünstigen Posse. Der Lapsus des Dritten wird lediglich zur Angriffsfläche
der beiden anderen. Die Zirkusmanége erlaubt keine sperrigen Kulissen,
keinerlei Intimitäten. Nicht mal der Schatten des Erfolgs kann dem
Zusammenstoß mit der bedrohlichen Fremdheit des Andersartigen entkommen.
Jeder Augenblick in dieser Dreierpartie wird voll ausgespielt, er wird
gewonnen oder verloren. Eine grausame erotische Spannung geht vom Treiben
dieser Körper aus. Und nichts (weder Sex, Fortpflanzung noch Bewegung)
kann an dem ausgeschlossenen Dritten vorbei befriedigt werden. Dieser löst
als verbindendes Element eine Serie von Racheszenarien aus. Der Kahlgeschorene
(Jean-Paul Lefeuvre) träumt vergeblich von einer "Zölibat-Maschine"
und glaubt, auf dem Rad zu fliegen, dessen Räder aber niemals von
der Kreislinie abheben. Das gleiche gilt für den lederbedressten Typen
mit dem Frauenhaar (Hyacinthe Reisch) hinsichtlich der an einen Helden
aus Sado-Maso-Comics erinnernden Salto-Parade, die dazu führt, dass
ihn die obsessive Leidenschaft, sich zu überschlagen, überallhin
verfolgt.
Que-Cir-Que widmet sich der Wiederaufbereitung von allem. Man
könnte ihn als Bio-Zirkus auffassen, der seinem System der Rückführung
und Selbstabsonderung freien Lauf läßt. Die spröde Feststellung
soll keineswegs die Bewunderung für die Virtuosität der körperlichen
Bewegung und die Sorgfalt der beinahe aufwendigen Choreographie schmälern.
Die sinnliche Gewalt und der matte Glanz in diesem Triangel erinnern an
die Dressur von Raubtieren, an eine bis ins Extrem gesteigerte "verwilderte
Schönheit", deren Grausamkeit ihre Berechtigung hat. Denn so wie es
die Zahl Drei vorschreibt, übernimmt der Dritte immer wieder das Amt
eines Sündenbocks. Gezwungenermaßen begibt dieser sich in die
Rolle des Opfers. Die Frau (Emmanuelle Jaqueline), die rastlos von einer
Pose in die nächste schlüpft, macht sich den Männern abspenstig.
Und man kann diese unaufhörlich aus der Luft gegriffenen Gesinnungen
durchaus als Versuche betrachten, dem Gesetz der Schwerkraft zu entfliehen.
Aber alles führt zum Ausgangspunkt zurück, zu Entblößung
und Einsamkeit. Mehr noch, Que-Cir-Que löst in Gestalt seiner Protagonisten
das Drama als Architektur auf. Leidenschaften werden freigesetzt. Der gruppenbiographische
Aspekt dieses Spekakels wird um so schneller zugänglich. Im Unterschied
zu Cirque Baroque, der die Darstellung der Persönlichkeit und des
Schauspielers festlegt, lebt das Trio Que-Cir-Que in der Dokumentierung
seiner selbst. Und quasi im Glauben, dass für sie das Risiko ebenso
hoch ist wie im traditionellen Zelt.
Väter und Söhne, die Erben des Fährmanns
Die Schwankungen im Status der Personen lassen das Wesen der Vorführung
nicht unversehrt. Kaum spürbar bleibt etwas im Dunkeln. Wer sind diese
Personen, deren Identiät so problematisch erscheint, da sie die gesamte
Pychologie auflösen? Kann man die Charaktere des Trios aus der Verkettung
von unwillentlich gesteuerten Umständen herleiten? Aber als solche
stünden sie immer unter Hypnose. Jedenfalls verläuft die Entwicklung
im Kreise (eine Reminiszenz an das O ihres Ursprungs und das vorwärts
und rückwarts lesbare Que-Cir-Que). Auch der Frau, die mit jungfräulicher
Laszivität den Mast umschwärmt, gelingt es nicht, aus diesem
Kreis auszubrechen. Die Aktionen wirken gebremst und Beziehungen können
sich nicht entfalten. Die Strategie der Niederlage bezieht sich auf etwas
Unverrückbares in diesem Spiel vom Kreis innerhalb des Kreises (so
wie es ein Theater im Theater gibt). Um das Geheimnis dieser zwanghaften
Umkreisung zu enthüllen, indes die am Bühnenrand platzierten
Musiker unterbrechten, genügt es, den im Blickfang befindlichen vierten
Spitzbuben, den Mast als Fiktion zu hinterfragen.
Er ist die eigentliche Autorität, auf die man prallt (und
der durch Klettern auch nicht beizukommen ist). Dieser buchstäbliche
Dreh - und Angelpunkt hält alles am Laufen. Seine Metarmorphose
zum unzüchtig Faßbier spuckenden Priapus, seine Verwandlung
in einen jedermann einladenden Barkeeper am Ende des Spektakels, paßt
als Kommentar. Die erwiesenermaßen seminale Kraft kehrt alles
in allem väterlich zum Prinzip der Vertikalität zurück.
Als oberste Instanz der szenischen Verknüpfungen übernimmt
dieser Pfeiler die Rolle des Vormundes und verlagert die Frage nach
der Struktur in das Zentrum. Er trägt und vererbt das Fundament
der Ordnung. Wie die meisten der neuen Zirkusartisten ist Que-Cir
-Que hervorgegangen aus den 68ern, einer Periode, die von der symbolischen
Eliminierung der Vaterfigur geprägt war. Ganze Generationen folegen
diesem Beispiel, indem sie sich verweigern und die Horizontalität
und Gleichberechtigung der Beziehungen thematisieren. In der Kunst
wie anderswo konstituiert sich eine Republik der Gleichgesinnten (das
Wort Companeros klänge hier wohl zu abgedroschen). Denn das ist
sicherlich das dominierende Thema dieses Spektakels. Ausgehend von
welcher Grundstruktur kann ich das Ruder übernehmen und zugleich
meine Rolle als Fährmann spielen? Aufsässige Fragen werden
dem Zirkus von Heute gestellt. Alimentiert von der 1986 gegründeten
Schule, dem Centre national des arts du cirque de Châlons sur-Marne.
Und es ist kein Zufall, daß Que-Cir-Que gerade dort geboren
wurde. Eine Trinität, die gleichberechtigte Regisseure hervorgebracht
hat, in der niemand den Orchesterdirigenten spielt. Man weiß,
daß es zwischen einem Rittmeister der Alten Schule, wie Alexis
Gruss, und einem Bartabas keinerlei Verbindung mehr gibt außer
höflichem Respekt, der eine versteckte Kritik verhüllt.
So etwas kommt nicht vor zwischen der älteren und der modernen
Generation. Stattdessen hat sich die Auseineinandersetzung in ein
Wortspiel verwandelt und ist danach in polemische Indifferenz umgeschlagen.
Die Zirkusväter machen sich von nun an rar.
In diesem Sinne muß man die Fußnote des Spekatakels,
den Untertitel zu Que - Cir - Que lesen: "Cirque d'avant-garde ou théâtre
de cirque?" Der Zirkus hat nach den Schlachten der Moderne den Blick auf
die Bruchstellen gerichtet, er versucht sich zumindest darin, doch niemand
wagt mehr das Wort "Avant-Garde" zu beanstanden. Die Besonderheit der letzteren
war das tabula rasa, das Zerstören veralteter Formen. Der Zirkus scheint
nun mit etwas Verspätung vom avantgardistischen Fieber befallen. Die
Realität aber ist um einiges zwiespältiger. Die Aufarbeitung
der Moderne (Fragmentierung, Schwachstellen, Versuchsanordnung) impliziert
das Wissen um ihr Scheitern. Indem er den Kern der Frage - die Unschärfe
- hervorhebt, erscheint der Sinnspruch eines Que - Cir - Que exemplarisch.
Hinsichtlich der Verhältnisse, die das, was ist, verunsichern, scheint
die Vergangenheit überwunden. Der Habitus des Que - Cir - Que navigiert,
ohne sich zu entscheiden, zwischen Tanz, Theater und klassischem Zirkus.
Die Genre, Sex und Schöpfung, bleiben vage beziehungsweise unerreicht,
unvollendet. Das verleiht ihrer Arbeit (die mit Beckett verglichen wurde)
offensichtlich eine enigmatische Tiefe. Man stößt auf ein meisterhaft
in Szene gesetztes Problem, das "verhinderte" Sein, das ohne Unterlaß
in seinen Entscheidungsmöglichkeiten differiert. Mit Que - Cir -Que
erwartet uns ein quasi hamletscher Zirkus. Eine Zirkusgeneration, deren
Väter jedoch abwesend oder illegitim geworden sind.
Diese Generation rebelliert unvermeidlich gegen den Status der
Familie. Eine Besonderheit des Neozirkus, der wie Archaos den Weg für
die Regie durch die Gruppe freigemacht hat . So dass die "Gleichgesinnten"
unweigerlich herausgefordert wurden, sich den Platz streitig zu machen.
Keine Struktur stellte ein Hindernis dar für den Ausbruch von Rivalitäten.
Jeder wollte den freigewordenen väterlichen Platz besetzen. Dieser
kannibalische Bruderkampf erinnert an P.P.Pasolini: "Ich habe meinen Vater
getötet/ ich habe Menschenfleisch gegessen/ und ich zittre vor Wollust".
Die manches Mal in Que - Cir - Que unterschwellig metamorphisierte Unersättlichkeit
wird von der sparsamen Zirkulation der vom Spektakel "fabrizierten" Zeichen
induziert. Fast unmerklich tritt diese Gier in Erscheinung: als Ohrfeige,
in Form von Wasser, das ins Gesicht gespiehen wird, bei der Übergabe
der glimmenden Zigarre. Was das Spiel mit den Ähnlichkeiten und Unterschieden
angeht. wird es noch abwegiger. Kann ich mich überhaupt noch neuerfinden,
da wir uns im Zustand allgemeiner Gleichschaltung ununterbrochen kontrollieren?
Der in seiner Nacktheit zerbrechlich wirkende Clown mit der Glatze schützt
seine Andersartigkeit vor dem kriegerisch auftretenden brustbehaarten Mann
mit einem simplen aber makellosen Höschen. Seine androgyne Neutralität
sucht eine Identität, die eine Rückbesinnung auf sein Alter Ego
sein könnte. Die junge verliebte Frau hingegen tanzt ihr Anderssein,
um ihr Gleichgewicht nicht zu verlieren, aber abwechselnd vermännlicht
oder hyperfeminisiert sie sich. Und das, was sie nicht mitteilen kann,
besingt sie. A propos: In der Madonna erkannte Baudrillard das Motiv vom
Verlust des Anderen, des Männlichen wie auch des Weiblichen, des Dunklen
wie auch des Reinen, des Monströsen, des absoluten Unterschieds, auf
jeden Fall dessen Negativ im Andersartigen, das man in sich selbst finden
muß, da das Unterscheidbare sich äußerlich zugunsten eines
serienmäßigen Duplikats verflüchtigt.
Vampire
Rückwirkend bildet der minimalistische Ansatz des Que - Cir
- Que mit den psycho-anarchischen Berührungspunkten eine vollkommene
Einheit. Die Beschränkung auf Schwarz und Weiß taucht das Spektakel
in ein schlichtes Licht. Sowie die Frage nach dem Ursprung das Bild in
die Nähe der Anfänge zurückführt, wird das Bunte überstrahlt
(das gilt ebenso für Zingaros Askese in Eclipse). Zu Beginn des Jahrhunderts
war die Renaissance von Schwarz und Weiß in den Bewegungsabläufen
der ersten Stummfilme zu sehen. Mit Que - Cir - Que wird der Aspekt des
auf eine Drehscheibe projizierten gespenstisch wirkenden Films und die
Analogie zwischen laterna magica und Zirkusrund auf eine einzige Fläche
übertragen. Das Zirkusrund belebt die Bilder von Épinal, indem
es das Panorama als Drehbühne wiederherstellt. Es hat die Gebrüder
Lumiére überholt, indem es die Tradition der "fahrenden Schausteller"
sichtbar macht. Im erleuchteten und gekrümmten Raum wird das Forensische
jedes Mal identisch auf sich selbst zurückgeworfen. Kino (s. Mélies)
und Zirkus handeln von Projektionen. Die phantastischen Schatten, die sich
auf der Zelthaut bewegen, haben den Bildschirm entdeckt, um ihn zu überdauern.
Um diese künstlerischen Gemeinsamkeiten zu zeigen (sozusagen als "Schausteller")
hat Que - Cir- Que sich jener Periode angenommen, um sie als Ideogramm,
als stummes Zeichen an sich selbst zu erfahren.
Sogesehen wirkt der Nosferatu des Que - Cir - Que, kahl und bleichgesichtig,
wie eine Übersetzung des murnauschen Vampirs. Sämtliche Energien
werden magisch von der blassen Hautfarbe seines Körpers absorbiert.
Diese ein hauchzartes Netz webende menschliche Spinne streckt seine Fühler
bis ins Jenseitige. Auslöser des Unabwendbaren und seiner ewigen Verwandlungen
(in Gestalt eines Nachkommen des Clowns in Weiß, dem personifizierten
Pfand für die vielen kleinen Zirkusmorde) ist der Saft des Lebens,
der sich auf die Bühne ergießt . Durch ihn enthüllen die
sozialen Verbindungen ihren anarchischen Vampirismus. Denn der Mensch ist
ein Vampir des Menschen, behauptet Que -Cir - Que. Aber die Erlösung
ist nah, der stumme Gestus entwirft den Körper als Sprachblock, als
phänomenale Zeichensprache. Mit den gesprochenen Fetzen läßt
das Trio dem Wort exzellent Gerechtigkeit widerfahren. Durch sie wird der
Zirkus "getragen": Im Experimentieren mit der Sprache offenbart sich der
sinnliche Genuß. Das theatralische Spiel der Gesten in Que -
Cir - Que transformiert das historische Schweigen der Schaustellerkunst
in Form eines Austauschs. Der abwesende Redefluß hat hier die Souveränität
einer Neu-Sprache erlangt, in Gestalt der Bewegung und mit der sensorischen
Explosivität eines Wortes auf einer unbeschriebenen Seite.
Übersetzung: susann karina habraschka
27. mai 1999