QUE CIR QUE CIR QUE... Die Wiederholung
des Que in QUE-CIR-QUE suggeriert die endlose
Bewegung des Rades - dem Grundthema der Performance - und damit unweigerlich
das Zeichen des Sysiphos, ganz so wie die Wiederholung der Syllybe Ci
in CIRQUE ICI von Johann le Guillerm, dem Freund und Begleiter
der Artisten des Que-Cir-Que aus erster Stunde, und wie sie aus dem
CIRQUE O hervorgegangen, das Thema der ewigen Wiederkehr
aufgreift: Cir Ki Cir Ki Cir.
Das O, Kreissymbol ihres gemeinsamen Ursprungs, definiert
in beiden Fällen ein Zentrum und eine Achse, um ein Rad zu schlagen.
Das Rad der Geschichte, das Glücksrad, das Rad des Schicksals,
das Rad der Zeit, das immer verhängnisvoller zu neuem Schwung ausholt.
Die Bedeutung der beiden Titel, QUE-CIR-QUE
und CIRQUE ICI, übertrifft unterdessen die alleinige Evokation
eines Themas: das eine und das andere stellt den Zirkus in Frage und
darüberhinaus den Sinn der Kunst. Das Ici in CIRQUE
ICI akzentuiert zudem den Anspruch auf die anarchistische Tradition
(das wahre Leben ist niemals anderswo, es ist hier, singt Léo
Ferré in Erwiderung Arthur Rimbauds): um ein Engagement im Hier
und Jetzt kundzutun, und um aus der Not heraus den Gebrauch der räumlichen
Kategorie als Selbstverpflichtung anzunehmen, da der Ausdruck "zeitgenössisch"
in "art contemporain" als Prestigegewinn für die Elite seine zeitliche
Konnotation verloren hat. Johann le Guillerm übernimmt die Kategorie
Zirkus als Ersatz und sollte jemand deren Echtheit in Zweifel ziehen
oder ihn der Usurpation bezichtigen, dann hier, das heißt, was
auch geschieht, es muß hier und nicht anderswo besprochen werden.
Um uns der politischen Stellungnahme des QUE-CIR-QUE
anzunähern, bedienen wir uns der Metapher vom Ei: wir trennen Eidotter
und Eiweiß, entfernen die Schale, ist das Ei nun noch ein Ganzes?
Wenn die Syllaben Que und Cir mittels Metonomie "Teile"
des Wortes Zirkus darstellen, erhalten diese dann ihre Identität
zurück, wenn sie wieder zusammengesetzt werden? Ja, und zwar die
des Cir Que beziehungsweise kompensiert der Großbuchstabe
des Que den Seufzer zwischen beiden Syllaben. Aber oder vor allem entschädigt
die Geburt des Que Cir, die möglicherweise das Vorspiel
der Erfindung eines neuen Genre darstellt, den Bruch mit der Tradition.
So der Titel nicht überzeugt, der Untertitel oder besser
"Werbespruch", der dem Plakat in La Villette hinzugefügt wurde,
läßt keinen Zweifel: "Cirque d'avant-garde ou théâtre
de cirque?" Hier wird die Frage nach der Identität gestellt.
Alles richtet sich also nach dem Blickwinkel oder dem Standort.
Was die Artisten angeht, wurde der Sachverhalt verstanden: die vorangegangene
Fusion von "Ministère de la Culture", "Direction de la Musique
et de la Danse" und der "Direction du Théâtre et des Spectacles"
in ein und dieselbe Verwaltung bzw. "Direction des arts de la scène"
(oder des Spektakels?) erklärt gewissermaßen die Entwicklung
zur "l'art totale", in Verwerfung oder auf Grund der Unverträglichkeit
der Grenzen zwischen den Künsten, die bereits ihre guten Tage hinter
sich gelassen haben.
Von Pina Bausch und ihrem Tanztheater zu Lloyd Newson und seinem
Körpertheater, den "unklassischen" Tanz eines Verret oder eines
Nadj überspringend - die Liste der Reibungen, der coitalen Fügungen,
ob unterbrochen oder nicht, der Hybriden und wahren Monster wäre
endlos, die das Aufeinandertreffen der Künste veredeln und bereits
hervorgebracht haben; das Obszöne, die Vermischung sind viel mehr
Regel als Ausnahme.
Was das Publikum angeht, so haben sich diese wunderbaren Enthüllungen
weit von ihm entfernt.
Wieviele Mütter sind darüber beunruhigt, ob in QUE-CIR-QUE
Clowns und Tiere vorkommen? Wetten wir: keine, denn so lange der Untertitel
ein gealtertes obgleich gesellschaftlich wirksames Wort zulässt,
scheint die vorauseilende Avant - Garde ihre Kinder von sich fernzuhalten.
Jean - Paul Lefeuvre, der eine der drei Persönlichkeiten
des QUE-CIR-QUE verkörpert, und den ich in
der Folge den "Kahlgeschorenen" nenne, sagt dazu: "unsere Technik schafft
einen Ausgleich zu derjenigen des Zirkus", ferner, "wir haben niemals
eine Auseinandersetzung über die Grenzen zwischen Zirkus und Theater
geführt" und weiter "eine Erklärung zu finden, um sagen zu
können, das ist Zirkus, Tanz oder Theater, ist eher schwierig.
Einige meinen, über Musik zu sprechen ist wie Architektur zu tanzen".
Heisst das, dass die Autoren des QUE-CIR-QUE
sich im Grunde genommen im Kern der Frage, dem Untertitel "Cirque d'avant-garde
ou théâtre de cirque?", wiedererkennen? Da genau träfe
den Bereich der Frage, der eine Begegnung mit ihnen auf sozusagen philosophischem
Niveau ermöglicht. Ein Bild der Aufführung verdeutlicht das
Problem: man sieht Emmanuelle Jaqueline (einen Charakter darstellend,
den ich "die Schöne" nenne) die Bühne auf Ballettschuhen überqueren.
Sie läuft auf einem Fuß Spitze, auf dem anderen barfüßig,
sie tut es so lala, und das Ensemble der Aufführung weiß
nicht recht, auf welchem Fuß sie eigentlich tanzt. Das Bild ist
nicht nur paradox oder ironisch, was so erscheinen mag: es lenkt die
Aufmerksamkeit auf das Wanken zwischen beidem, zwischen klassischem
Modell, das die Spitze symbolisiert - und das der klassischen Akademie
im allgemeinen (im Tanz wie im Zirkus) und dem zeitgenössischen
Modell, das den Körper keiner Disziplin unterordnet. Mir scheint,
dass die Artisten des QUE-CIR-QUE akribisch in
allem die Einfachheit suchen, um sich von der Schizophrenie zu befreien,
in welche sie eine akrobatische Ausbildung klassischen Typs verstrickt,
die sich auf Kraft, Ausdauer und Grazie etc. gründet und stattdessen
eine zeitgemäße Philosophie anstreben, die die Erfindung
eines von allen Zwängen befreiten Körpers intendiert.
Ich möchte an dieser Stelle nicht die Unterschiede zwischen
traditionellem und Neuem Zirkus aufzählen, den ich ausführlich
essayistisch erörtere, um zumTheater von Heute vorzudringen - ich
muß aber ausdrücklich betonen, dass die Headline diesen Spektakels
eine essentielle Frage aufwirft - was ist Zirkus, was ist er nicht,
was macht Zirkus, was nicht, was kann Zirkus und was nicht - und daß
dieser (der hier besprochen wird) eine einzigartige Antwort zu geben
versteht.
Jeder seine Berufsbzeichnung verdienende Künstler führt
gleichermaßen zwei Diskurse: einen universalen (über den
Menschen, die Gesellschaft usw.) und seinen eigenen künstlerischen,
der dazu beiträgt, neue Akzente zu setzen. Oft werden das Thema
und dessen Umsetzung vermischt: beispielsweise "beim Theater im Theater",
das einer großen Befähigung bedarf, um nicht selbstgefällig
zu wirken.
Vielfach hat die Zirkusbranche die Bezeichnung "Zirkus" vereinnahmt
- ablesbar an den Copyrights der Spektakel (Welt des Zirkus, Zirkus-Image),
aber es ist wirklich selten, dass Zirkus einen Metadiskurs hervorgebracht
hat.
Das Thema des QUE-CIR-QUE betrifft also
weniger den Zirkus als "die Gesellschaft der Individuen" (ich komme
noch darauf zurück). Nichtsdestotrotz stellt dieses Ereignis die
Frucht einer sorgfältigen Reflexion dar, einer wirklichen Feldforschung
typischer "Probleme" speziell der Zirkusleute, wie die Frage nach dem
Ungeschick, der gestischen Verknüpfung, der Dauer, der Verbindung
zwischen Ton und Bild, der Macht über den Applaus, der Beziehung
zum Publikum, so dass die von den Artisten bewirkten Aufschlüsse
das Ensemble tatsächlich als "Neuen" Zirkus definieren (der in
keinem Fall DER neue Zirkus ist). Ich bin überzeugt, dass
das Thema offenbar - um genau zu sein die außerordentlich soziale
Einrichtung einer auf sich bezogenen Welt - aus der Recherche über
die Möglichkeiten und Grenzen des Zirkus resultiert und nicht aus
seinem Gegenteil.
Um dem Verständnis des QUE-CIR-QUE
näher zu kommen, schlage ich eine geeignete, fast didaktische Methode
vor, die darin besteht, die Anfangsfrage zu wiederholen: "Cirque d'avant-garde
ou théâtre de cirque?", um meinerseits die nächstliegende
Frage zu stellen, war es Tanz? um dem disjunktiv gebrauchten ODER, das
nichts offenläßt, mittels Fragezeichen zu entgehen.
QUE-CIR-QUE fließt über vor choreographischen
Referenzen an den klassischen und den zeitgenössischen Tanz, an
Partner - und Modetänze und sogar an Butoh. Ich kann sie innerhalb
des mir zur Verfügung stehenden Platzes hier leider nicht alle
aufzählen.
Diese Referenzen haben verschiedene Chiffren: das Zitat (des Bildes,
des Spektakels, wie zum Beispiel LE LAC DES CYGNES, CENDRILLON,
LE DAPHNES ET CHLOÉ von Jean-Claude Galotta, EINSTEIN
ON THE BEACH), den Einfall (den Partnertanz und allgegenwärtig
in der Vorführung - die Artisten stützen einander im wahrsten
Sinne des Wortes, so daß der eine zusammenbrechen müsste,
wenn der andere ermatten würde; dieses Anlehnen symbolisiert eine
dritte Kraft, die "Solidarität", die Träger und Getragenen
demonstrativ im "Sich-getragen-fühlen" vereint). In mancher Hinsicht
belebt der zeitgenössische Tanz vor allem die Idee, daß sämtliche
Körperpartien mobilisiert werden können (und daß der
Körper sich immer wieder selbst erfinden muß). Jenseits der
"Referenzen" handelt es sich darüberhinaus um eine "Instrumentalisierung"
des Tanzes: diese stabilisiert die Verbindung, den Übergang zwischen
zwei "gordischen Knoten", zwei Faktoren, die alles verändern können.
Semiotisch betrachtet führt dies zu einer Eskalierung: plötzlich
tritt der Plan des "Handlungsträgers" in einem anderen in Erscheinung,
ein "Ich" taucht im anderen auf, beispielsweise das des Erzählers
in dem des Agierenden. In QUE-CIR-QUE gibt es eine
Fülle solcher Momente, die vom Tanz zusammengehalten werden. Was
die Absichten angeht, verbinden oder trennen sie sich, wie diejenigen
des Zirkus und des Theaters oder um noch genauer zu sein, diese sind
so grundverschieden wie Gefühls - und Naturzustände, beispielsweise
die Identifikation (mit einer anderen Person) und die Unmöglichkeit,
sich (mit einer übermenschlichen Erscheinung) zu identifizieren.
Den "Funktionalismus" einer solchen Analyse sollte man nicht als Tanz
in "reiner" Form begreifen, die sich von emotionalen Zusammenhängen
distanziert hat. Im Gegenteil: die "komplexeren" Momente auf der emotionalen
Ebene des Spektakels sind in Wahrheit diejenigen - und das ist möglicherweise
eine Neudefininierung des Ästhetischen - in denen die historischen Eigenschaften
der drei Gattungen Tanz, Theater und Zirkus miteinander verschmelzen,
um eine Wertung auszuschließen, so wie das Bild, in dem der "Kahlgeschorene"
mit großen und langsamen Schwüngen sein pedalloses Fahrrad
beschleunigt, um darauf stehend seinen Traum des Flieges zu verwirklichen.
Die Fusion der drei Gattungen wirkt in diesem Bild total: die akrobatische
Leistung ist so unglaublich, dass nur Applaus uns erleichtern könnte,
aus Angst die Sprache zu verlieren, aber wie könnten wir dem Artisten
applaudieren, dem großen Komödianten, der uns unmerklich
zum Schweigen auffordert im Angesicht seines Traums von der menschlichen
Schwerelosigkeit, dem Tanz in seiner Absolutheit.
Ohne Worte (außer einigen Glucksern hier und da und dem
Text des Chansons, der den Tanz der "Schönen" begleitet) ist QUE-CIR-QUE
vor allem ein visuelles Ereignis, verzeihen Sie mir die Tautologie.
Schweigsam und doch eloquent (glücklicherweise nicht geschwätzig)
wird eine Geschichte erzählt mit einem Anfang und einem Ende wie
aus dem Leben von Mann und Frau, aber in Wirklichkeit ist weder das
eine noch das andere wie im richtigen Leben. Ein Bericht(?), wenn man
will: eine Frau spielt zwei Freier gegeneinander aus, schließlich
entfacht und mustert sie das Verlangen desjenigen, den ihr Herz auserwählt
hat. Oder so: drei eingeschlossene Individuen können nur instabile
oder unstete Paare bilden (da zwei von ihnen gleichen Geschlechts sind,
kommt es gemäß der heterosexuellen Hypothese zu ständigen
Rivalitäten untereinander oder zur Ablehnung des Dritten gemäß
der homosexuellen Hypothese... und es gibt QUE-CIR-QUE
analog zur Hypothese der generellen Ambiguität).
Jede der drei Personen des QUE-CIR-QUE wird
offensichtlich von einer unersättlichen Fiktion drangsaliert (die
an Wahnsinn grenzt: die Megalomanie des "Bärtigen", verkörpert
von Hyacinthe Reisch, die Paranoia des Kahlgeschorenen, der Exhibitionismus
der Schönen): Schärfe, Auserlesenheit, selbst die "Exklusivität"
des begehrten Objekts verbieten das Zusammenkommen mit demjenigen Objekt.
Ihre Kontakte scheinen zum Scheitern verurteilt. Nur die soziale Verbindung
hält noch stand. Wir befinden uns in einer "Gesellschaft von Individuen",
um an die Überschrift einer Schrift von Norbert Elias anzuknüpfen,
und obendrein in einer "Gesellschaft von Autisten", die unfähig
sind, sich untereinander zu verstehen, und noch weniger in der Lage
sind, sich zu lieben, obwohl sie sich danach sehnen. Kein Blutsband
oder Gemeinwesen hält sie zusammen, sondern eine befremdliche Form
sozialer Koexistenz, in der sich individuelle Unterschiede und Egoismus
zuspitzen und wo Liebe, so sie noch möglich ist, keinen Bund fürs
Leben schließen kann, da sich die Fantasmen nicht aussöhnen
lassen. Um diese bis ins Krankhafte gesteigerte Individualimus-Metapher
zu vermitteln, müssen die Artisten ständig kooperieren und
Gesten austauschen, die höchste spielerische Präzision erfordern,
wobei im übrigen "Vertrauen" und "Solidarität" noch als die
harmloseren Gegensätze des Spektakels in Erscheinung treten. Das
also ist das theatrale Thema des QUE-CIR-QUE: eine
Frau mit ungestilltem Liebesverlangen begegnet zwei von der Liebe frustrierten
Männern in der stolzen Zuversicht, das ihrerseits demographisch
schon alles entschieden ist: nämlich dass sie den Besten von beiden
bekommen wird. Glaubt sie! Der Kahlgeschorene ist außerstande
sich mit dem Bärtigen zu messen, der kein Motiv hat, sich ihretwegen
zu verausgaben, zumal sie ihn in seinen Augen demütigt. So schwankt
die Schöne berechtigterweise zwischen Onanie als Selbstschutz und
dem Risiko, bei unterlassenem Widerstand in die Hände eines Souveräns
zu geraten. Wenigstens schwankt sie. Der Kahlgeschorene hat nicht diese
Möglichkeiten, seine Furcht ist zu groß, seine Abwehr sehr
solide, wie das Bild beweist, als die Schöne ihm seine weiße
Unterhose auszieht und darunter eine identische Unterhose enthüllt.
Ein dennoch zu schwacher Schutz, so dass der Kahle instinktiv seine
Hände zwischen die Beine führt, als wäre sein neues Höschen
schon sein Geschlecht oder als habe man im Grunde genommen anstelle
des Sex nur Unterhosen. Was den Bärtigen in seinem an den Krieger
Samson erinnernden Lederwams betrifft, so geht er - extrovertiert und
als Antithese des Kahlen - mit ihm ein leidenschaftlicheres und vage
sado - masochistisches Verhältnis ein statt mit der Schönen,
deren Verführungskünste scheitern.
So wird verständlich, dass die Gefühle, denen der Zuschauer
in QUE-CIR-QUE ausgeliefert wird, zu großen
Teilen der Identifikation mit den Personen geschuldet sind oder zumindest
etlichen Zügen ihres Charakters oder ihrer Erscheinung: diese "Monster"
verkörpern unseren Mangel, unser Zögern, mehr noch den tiefen
Spalt zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichem, dem wir
standhalten. Diese Persönlichkeitsstrukturen haben Bestand in dem,
was sie tun, und selbst wenn sie ihre Haltungen innerhalb des Stückes
ändern, bleiben sie sich treu und bestärken unseren Glauben
in dieses "Es" (dem Begehren, der Perseveranz des Seins im Sinne Spinozas,
dem Lacanschen "Drängen nach Dauer ") das uns nicht verändert,
obgleich wir anders werden.
Außer ihrer technischen Funktion (sie vereinen eine Serie
disparater Elemente, die im traditionellen Zirkus "Nummern" genannt
werden, aber hier als Portraits bezeichnet werden müßten)
aktualisieren die Personen Mythen (Aphrodite zwischen Ares und Hephaistos
bzw. die Nymphe Echo zwischen Narziss und seinem Double) und insbesondere
den Sysiphos-Mythos.
Jeder von ihnen kompensiert seine immer wiederkehrende Einsamkeit mit
Hilfe eines transistiven Objektes: dem Fahrrad des Kahlen, dem Rhönrad
des Bärtigen, den Gummiseilen der Schönen.
Diese drei auf leerer Bühne verwandten Objekte sind symbolische
Entsprechungen der Persönlichkeiten im doppelten Sinne: sie erhärten
die eigene Präsenz und fungieren als Platzhalter, denn die Personen
selbst sind begehrte und verstossene Objekte zugleich.
Über die unmöglichen erotischen Beziehungen dieses
Dreigespanns gäbe es noch mehr zu sagen. Kommen wir nun zur "vierten
Person", um die es eigentlich geht, dem allgegenwärtigen Phallus
- störend, unumgänglich und fehl am Platz - dem Mast im Zentrum,
der wie der Holmen eines Regenschirms die Zeltwand trägt.
Dieses szenische Dispositiv des QUE-CIR-QUE
ist die ideale Auflösung dessen, was dem traditionellen Zirkus
nie gelungen ist: dessen vollkommene Umsetzung: ein niedriges Zelt,
das von nur einem Pfeiler gestützt wird. Kein Pfosten behindert
die Sicht, egal wo man sitzt. Mehr noch: die drei Bühnenzugänge
für die Artisten bilden als gleichförmiges Dreieck überkreuzt
mit den Zuschauereingängen einen Davidsstern. Publikum und Artisten
sind also mittels Anordnung geometrischer Figuren - einem Kreis und
zwei Dreiecken - organisch verwoben. Man behauptet, der tradtionelle
Zirkus kultiviere den Mythos, sich wie im "Kreise der Familie" zu fühlen:
die runde Form des Zeltes gelte allen Zuschauern als Beweis für
den Traum von der Gleichheit, aber sie verklärt das Zusammengehörigkeitsgefühl
mittels einer Art Früh - Babel, das die sozialen Unterschiede ignorriert.
Die Realität verhöhnt den Mythos, weil man meistens in traditionellen
Zelten sowieso nicht gut sieht, und wo im Grunde genommen die Artisten
ihre Leistungen für die Situierten erbringen, für die Logen
mit Blickkontakt zum Orchester eingerichtet sind. Nichts von alldem
in QUE-CIR-QUE: der Blick des Zuschauers prallt
auf die Artisten nicht mehr und nicht weniger als auf das eigentliche
Hindernis - den Hauptmast. Dieser Mast ist das Refugium des Kahlen,
der ihn bis unter die Zelthaut erklimmt, als wäre er ein Gejagter,
aber vielmehr ist er das Opfer seiner Paranoia als das einer tatsächlichen
Verfolgung. Er klebt an ihm in seiner Furcht und gänzlich von ihm
angesaugt, indes der Bärtige daran kollidiert und zerschellt und
die Schöne sich an ihm festgurtet, um sich ihrem Traum vom Fliegen
hinzugeben. Dieser Mast, die Weltachse, dreht sich wie die Achse eines
Rades, ebenso wie die Welt, um sich selbst. Dass wir uns nicht falsch
verstehen: er ist zwar fest installiert, aber eines der Bilder, in dem
der Kahle getragen vom Bärtigen kopfüber auf der Zelthaut
schreitet, erweckt Eindruck, als befänden wir uns auf einer Drehscheibe
- die viel gewaltiger ist als das Riesenrad des Bärtigen, an dessen
Umdrehungen er sich berauscht, und sie ist um einiges instabiler als
das Phantasierad des Kahlen.
Wir befinden uns in einer Art magischen und grausamen Zirkustotale.
Alles ist bedacht: die Bühne, das Zelt, der Clown (in Gestalt des
Kahlen als atypischem August, der uns mit den Grimassen eines terrorisierten
Kindes und mit gedankenverlorenem Blick, mehr noch als seine Marotten
es tun, zum Lachen reizt) die Akrobatik und die Höhenflüge.
Ferner befinden wir uns im Tierreich, denn die Schöne selbst ist
die versammelte Tierschau: sie erscheint als kreischende Möwe,
Spinne, Fledermaus, Ente, Frosch, Schwan, Hirschkuh, Panther, Maus,
Fisch und Lama (und was noch alles).
Aber vor allem befinden wir uns einem Reich absoluter Virtuosität:
Die Artisten bemühen sich um höchste Perfektion, konzentrieren
und kanalisieren ihre Energien, um unsere Gefühle zu sensibilisieren,
aber wir haben es schwer, uns im befreienden Rhythmus des Applauses
zu behaupten, als wenn der verkehrte, zerstörte, abnorme Zirkus
für Augenblicke wieder in seine Rechte eingesetzt wäre. Die
Nüchternheit des Dekors (reduziert auf einen einzigen Mast und
zahlreiche Objekte - Rad, Reifen, Besen, Zigarre u.a. - was die
Ästhetik des Spektakels als Kunst pur hervorhebt) verstärkt den
Eindruck, dass der Stoff der Aufführung die Virtuosität selbst
ist, nämlich das Vermögen, körperliche Zustände
in ihrem höchsten Grad an Geschicklichkeit zu erfassen und auszudrücken.
Die Verfeinerung - niemand spricht von "Züchtigung" oder
gar "Manieriertheit" - bildet einen Kontrast zum "barbarischen" Auftreten
der Künstler - und die elementare Gewalt einiger ihrer Herausforderungen
legt somit eine allgemeine soziologische Interpretation nahe: das was
hier gezeigt wird, ist ebenso das Bemühen von Vagabunden, den Verhaltenskodex
der Chickeria auszuloten, und das meint aus ihrer Sicht deren Erhabenheit
über die Kultur und ein Übermaß an Entremdung.
Übersetzung: Susann Karina Habraschka