Welt zu dritt. In: DIE ZEIT, 19. Mai 1995
    von Robin Detje

    Was nicht passiert: Kein Trompeter spielt einen Tusch. Kein Trommler haut auf die Pauke. Kein Spaßmacher brüllt vor Lachen, damit auch wir vor Lachen brüllen. Keine Gymnastin im Glitzerkostüm fällt nach dem dreifachen Salto ins Netz (Tusch, Paukenschlag!), und keine Pferdeherde trägt Federbüsche über Sägespäne.
    Im Zirkus wissen wir, was wir zu fühlen haben. Seine Niedlichkeit, der Clown, und ihre Begehrlichkeit, die Trapezkünstlerin, regieren unsere Reflexe. Notfalls hilft der Kapellmeister nach. Bei “Que - Cir - Que” tönt statt dessen regelmäßig ein heiseres Kichern vom Band:“That‘s it!He, He, He!” - Die Stimme von Janis Joplin aus dem Archiv ins Zelt transplantiert.
    Es wird allerdings (typisch Zirkus!) jemandem Wasser ins Gesicht geprustet: Erst küßt die Frau den schwarzen Mast des weißen Zeltes. Dann stellt sie sich dicht neben den Mann und spuckt ihn an. er blickt gequält. Er tritt nicht einen Schritt zur Seite. Ein Wasserstrahl trifft sein Ohr, seinen Schritt. sie demütigt ihn, damit er sie liebt. Die Frau reißt ihren Mund auf, er ist leer. Sie küßt den Mann, tritt zurük - und spuckt ihm noch mehr Wasser ins Gesicht:
    Ganz zum Schluß wird der Zeltmast seinen großen Auftritt haben und selber Wasser spucken - einsam und alleine auf der leeren Bühne (die rund ist, aber irgendwie doch keine Manege) nur von ein paar Requisiten umgeben.

      Es gibt also ein Zelt, so viel Zirkus soll sein. Es gibt drei Artisten, eine Frau und zwei Männer. Im Anfang ist die Bühne wüst und leer. Die Frau (Emmanuelle Jaqueline) erscheint und öffnet dicht am Mast die Falltür zur Hölle. Aus der Tiefe zieht sie einen nackten, bleichen Wurm und klebt ihn an den Holzpfahl: einen Arm. Er läßt an einer Stange am Mast einen kleinen Scheinwerfer kreisen, der ins Publikum leuchtet: der Arm aus der Tiefe, die neugierige Lampe und wir - das ist erstmal alles.
      Der Mensch erscheint im Holozän, einer Welt vorerst noch bevölkert von unterirdischen Urwesen und unheimlich kreisenden Eisenteilen. Der Mensch erscheint in Form zweier Männer. Der eine langhaarig (Hyazinthe Reisch) zieht den anderen, kahl und bis auf ein Höschen nackt (Jean-Paul Lefeuvre) auf einem stählernen Schlitten auf die erdscheibenrunde Bühne. Draußen herrscht wahrscheinlich ewige Nacht und noch wahrscheinlicher tobt ein Schneesturm. Die Frau aber bringt das Licht: Sie trägt in jeder ausgestreckten Hand eine Kerze.
      Jetzt verwandeln die beiden Männer den Schlitten in eine Wippe, stellen sich hoch auf, und ein kleiner Kampf ums Glück beginnt: Wem gelingt es als erstem, wippend eine Kerze auszublasen? Der Langhaarige gewinnt, er bekommt einen Kuß. Der Kahle bekommt eine Ohrfeige.
      Das ist die Urszene dieses Zirkus, der ein Urzirkus ist - ein Zirkus aus einer Zeit, bevor die Clowns rote Nasen bekamen und herumzubrüllen begannen. Einer Zeit, in der die Dinge manchmal noch leben und die Menschen sich plötzlich in Dinge zu verwandeln scheinen. Zirkus-Holozän: eine Freu und zwei Männer, eine Wippe und zwei Kerzen, eine Ohrfeige und ein Kuß.
      Der Sieger schreitet davon, der Verlierer muß die Bühne fegen. Aber aus der Strafe wird ein einsamer, träumerisch getanzter Liebesakt mit einem Besen. Das Leben in der Urzeit ist ein Spiel.

    Kein Trompeter bläst einen Tusch. kein Kapellmeister gibt uns den Einsatz für unseren Jubel. Zirkus besteht aus Höhepunkten, "Que - Cir - Que" aus Übergängen. Die "Nummern" sind keine, sie sind tänzerisch und zart (auch fies und brutal, das Dreiecks-Psychodrama geht weiter!). Die Szenenwechsel, die mit unendlicher Liebe und Sorgfalt zelebrierten Umbauten (die in jeder schlechten Theaterinszenierung als lästige Umbaupausen zwischen der Präsentation zweier monumental-visionärer Bühnenbilder hämmernd und schwitzend verschenkt werden, stehlen ihnen mit Leichtigkeit die Schau.
    Minutenlang quälen die beiden Männer unten und hoch oben am Mast, über - und untereinanderkletternd, der Langhaarige im Bewußtsein seiner Macht, der Kahle mit traurig himmelhochgezogenen Augenbrauen bis, als wär's ein Versehen, die beiden Gummiseile von der Stange hängen, an denen die Frau sich gleich graziös wie ein Frosch um die Bühne schwingen wird.
    Der Umbau ist ein Fest, die Attraktion - ein unglaublicher Spagat nach dem anderen - wirkt wie ein Unfall, jede Überdehnung von einem häßlichen Stöhnen aus dem Off begleitet. Wer jubeln will (und wer will das bei "Que - Cir - Que" nicht?), muß alle Gründe vergessen, aus denen er bisher zu jubeln gelernt hat.
    Jean- Paul Lefeuvre tanzt mit einem weißem Fahrrad, wie er gerade noch mit einem Besen getanzt hat - aber ebenso gerne sitzt er einfach nur zusammengekrümmt darauf herum. Und immer, wenn er Schwung braucht, hängt zauberhafterweise ein Kollegenfuß in der Luft, an dem er sich abstoßen kann.
    Er ist der Melancholiker, Hyacinthe Reisch der rohe Kraftmensch, der sich in und auf ein riesiges, stählernes Röhnrad wirft und es schwitzend herumstößt. "Yes, I'm the great pretender", klingt es dazu vom Band. Wo Lefeuvre seine Partner - die Dinge, Besen, Räder - sanft verführt, feiert Reisch gefährliche Orgien mit ihnen.
    Und Emmanuelle Jaqueline ist niemand anderes als die strenge Domina dieses Abends, die mit ihren Ohringen eine Stange zwischen zwei Seilen befestigt, auf dieser Trapezschaukel einen Meter über dem Boden um den Mast fliegt, ihn verliebt mit den Augen verschlingt, aber nie erreicht, und ihre Kreise plötzlich als Fisch weiterzieht. So kaltblütig, wie sie zu Beginn den Langhaarigen erkoren hat, flirtet sie später mit dem Kahlen und erdrosselt noch später - in einem kleinem Mörderspiel - mit Hilfe des Nebenbuhlers den Geliebten von einst. "Que - Cir - Que" ist auch ein Theater der ungerührten Grausamkeit.
    Die Domina bestimmt das Spiel. Und als sie einem Rad, das sich eben noch wild in der Armbeuge des Kahlen gedreht hat und jetzt in einem kleinen Loch im Mast steckt, mit dem Finger den Abgang befiehlt, springt es aus der Halterung und rollt selbständig von der Bühne. Zurück in den Schneesturm.
    Wen wundert das? Die Dinge sind an diesem Abend nicht nur gehorsam, sondern auch höflich. Ein Scheinwerfer rückt, als der Kahle an einer Stange hängt, sofort fürsorglich zur Seite. Und ganz unhöflich, von seinen Rivalitätsgefühlen besessen, klebt der Langhaarige den Kahlen kopfüber an den Mast wie einen Gegenstand. Für eine Sekunde wird das Zelt zum Gulag.
    "Que - Cir - Que" ist ein Nachfolger des "Cirque O, der 1991 umjubelt durch die Lande zog. Die Artisten kommen aus der Pariser Zirkusakademie von Jack Lang. Obwohl sie farbige Kostüme tragen, glaubt man am Schluß, ein Spektakel in Schwarzweiß gesehen zu haben - monochrome Erscheinungen, die für ein paar Minuten, für ein Tänzchen, ein kleines Spiel, aus dem Nichts treten und wieder im Nichts verschwinden. Was sie tun, hat so häßliche Namen wie Pantomime oder Bodenturnen, aber die vergißt man scnell, glaubt, ein herzzerreißendes Bild für sein eigenes, entsetzlich endliches Leben vor sich zu sehen.
    Eigentlich ist "Que - Cir - Que"ein trauriges Programm - der Hauch von Eiswüste verschwindet nie. Und trotzdem ist die Begeisterung des Publikums vom "Roncalli"-Taumel kaum zu unterscheiden. Vielleicht weil man als Zuschauer von den Artisten so entschlossen bei der Hand genommen wird. Es gibt keine Sekunde, in der die Fürsorge der drei auf der Bühne für sich selbst, füreinander, für ihre Requisiten und ihr Publikum nachläßt. Immer ahnt man die ewige Nacht jenseits der Zeltwand, aber man ist nie allein.

    Natürlich prahlt man bei "Que - Cir - Que" mit den Abgründen des eigenen Programms und wirbt mit Becketts Satz "Ein Spiel. nicht weniger". Das Nichts und das Spiel: Unter solchen Gedanken kann eine Zeitungsseite leicht zusammenbrechen - und eine Zirkusvorstellung erst recht. Deshalb wird jetzt im Zelt die Bühne ganz schnell in eine Bar verwandelt, und die strahlenden Künstler tragen Freibier ins Publikum. Draußen mag der Schneesturm toben, drinnen gibt es erst einmal ein Fest. So ein Glück...