E.: Bei der Entstehung dieses Abenteuers stand das Glück Pate. Die Tatsache, dass wir unsere körperliche Kondition erhalten mußten, nützten wir als Chance, Monat für Monat miteinander zu spielen.
Wir hatten viel Zeit und amüsierten uns. Und dann - eines Tages entschlossen wir uns, ein Stück zu kreieren.
H.: Wir hatten uns Zeit genommen, uns vom Leben treiben - und von dem, was wir zu sagen hatten, inspirieren
zu lassen. All das ohne Zwang, es sofort umsetzen zu müssen. So sind die Ideen ganz aus sich selbst gesprudelt.
Und Heute, entwickelt sich das Stück noch weiter?
E.: Die großen Linien sind klar, aber die kleinen Dinge wechseln. Es sind die kleinen subtilen Feinheiten, die Spuren beim Betrachter hinterlassen, so feilen wir vor allem an Details.
H.: Man könnte sagen, dass es unser Stück ist und man kann damit machen, was man will. Ich zum Beispiel
kann eine meiner <Nummern> ändern, zugleich muss ich aber die Seele des Ganzen bewahren.
E.: Jeder hat seine eigene <Personage>, wichtig aber sind ihre Beziehungen zueinander. Die Tatsache zu Dritt zu sein, erhöht die Spielmöglichkeiten.
J-P.: Wir hatten von Anbeginn an kein Szenario, weder für die Regie, noch für die Charaktere. Das ganze hat sich im Laufe der Arbeit ergeben. Wenn wir heute Elemente hinzufügen, geschieht dies, um die Beziehung zwischen den Figuren weiterzuentwickeln. Wir müssen eine Geschichte erzählen, welche in sich stimmt.
H.: Jede Figur entdeckt sich in dem, was sie tut, in einem Raum, welcher irgendwo zwischen Bühne
und Manege angesiedelt ist.
J-P.: Es ist unsere Wahl im Zelt zu arbeiten, im Rund. Es stimmt, dass sich unsere Technik der des Zirkus annähert, aber wir gehen damit nach unseren eigenen Vorstellungen um. Und in der Tat haben wir uns nie Gedanken darüber gemacht ,was das ist, was wir machen, ob es sich nun um Zirkus oder Theater handelt.
E.: Was von Anfang an klar war, daß es den Mast gibt. Er ist sehr wichtig. H.: Er stört dieser Mast und wir sind gezwungen, das miteinzubeziehen, was uns stört.
J-P.: Es ist ein bißchen wie im Leben, entweder man stellt sich dem Hinderlichen oder verdrängt es. In unserem Raum steht der Mast in der Mitte und mich stört er. Die Frage ist nun, wie ich mit dem Hinderlichen
umgehe bzw. den Sachzwang auflöse.
E.: Im klassischen Zirkus stört er die Zuschauer, wir wollten, daß er allen ein Hindernis ist, dem Publikum
wie uns selbst. So gibt es keine <besseren Plätze>.
J-P.: Zuerst beginnen wir mit dem Konditionstraining, der Instandsetzung und Erneuerung des Körpers, dann kommen die technischen Teile des Zusammenspiels an die Reihe und schließlich arbeitet jeder an seinen eigenen
Disziplinen.
Gibt es in eurem Falle eine Körperarbeit, welche mit der eines Tänzers vergleichbar wäre?
H.: Schlimmer - die Tänzer haben den Vorteil, einen Vorgesetzten zu haben. Uns treibt niemand an. Das ist sehr hart. Wenn man Lust hat, kann man einfach nichts tun und im warmen Bett bleiben.
J-P.: Es ist eine zweifelhafte Freiheit. Man kann sehr leicht in eine Art Apathie verfallen.
E.: Deswegen arbeiten wir wir möglichst jeden Morgen zu Dritt.
E.: Es ist angenehm, nicht im Hotel wohnen zu müssen. Wenn das Wetter schön ist, leben wir in einem grossen Garten, wenn es regnet und kalt ist, sind wir halt ein bisschen wie in einer Sardinenbüchse, aber man gewöhnt sich daran.
J-P.: Lieber ein bescheidenes bei sich, als ein grossartiges bei den anderen. Ich muss, alle mitgerechnet, mit 15 Quadratmetern auskommen. Dafür aber kann ich da machen, was ich will. Für mich bedeutet diese Art zu leben wirklich Unabhängigkeit, mit ein paar Einschränkungen, wie Ärger auf der Landstrasse...
aber man lebt damit.
H.: Und dann gibt es manchmal Orte, an denen können die Leute nur davon träumen, dort zu wohnen.
E.: Wir haben das Glück, verschiedene Länder zu sehen und nur ein paar Meter entfernt von unserer Arbeitsstätte zu wohnen. Im Winter, wenn es regnet und schneit, können wir uns in unserer grossen Stube, dem Zelt, treffen. es ist unser Raum. Manchmal müssen wir uns ein wenig von der Aussenwelt schützen, weil es Leute gibt, die ohne Hemmungen in denWohnwagen treten, um zu sehen wie wir wohnen.
J-P.: Ich will vor allem spielen. Sich in der Interpretation zu verlieren und so eine Rechtfertigung für sein Tun abzuleiten, halte ich für schwierig.
H.: Es gibt welche, die sagen über Musik zu reden wäre so, als würde man Architektur tanzen.
J-P.: Es gibt Menschen, welche allzusehr Formen, das Formale, Namen oder Analysen gewichten. Dies ist meine Sache nicht. Ich will die Menschen berühren.
Wenn alles gut geht, fühlt ihr euch dann eins mit dem Publikum?
E.: Wenn man vom Publikum getragen wird, ja.
H.: Man hat dann das Gefühl nichts zu tun, einfach alles fliessen zu lassen.
J-P.: Es ist so wie mit Leuten, mit denen man sich wohl fühlt, zu Tisch sitzt.
Manchmal habe ich wirklich das Gefühl, daß eine Aufführung ein Dialog mit dem Publikum ist.
H.: Ja, darin sind wir alle einer Meinung.
J-P.: Es gibt Augenblicke, in der der Körper das Sagen hat. Er tut Dinge ganz natürlich von sich selbst, bevor man überhaupt denkt.
H.: Der Körper schützt sich und er schützt auch uns.
E.: Der Kopf blockiert öfter den Körper als umgekehrt. Mir zum Beispiel sagte man, ich solle einen
Salto machen. Ich antwortete, dass ich dies rein physisch bedingt, nicht kann. Und in Wirklichkeit lehnt es aber mein Kopf , schlicht aus Angst ab, mir weh tun. Wenn es einem gelingt, den Kopf frei zu machen, ist man in der Lage einiges im Körper zu entknoten. Und natürlich auch umgekehrt.
H.: Ja, wenn man mit dem Körper arbeitet, arbeitet man zugleich auch immer mit dem Kopf. Man darf nicht nur das Körperliche pflegen. Man muß auch den Kopf pflegen, damit das Gleichgewicht hergestellt ist.
E.: Man nährt sich auch von äusseren Einflüssen, das zu können ist sehr wichtig.
J-P.: Das Gleichgewicht kann nur als Ganzes realisiert werden. Wenn man nur einen Teil entwickelt, erreicht man kein Gleichgewicht. Im Zirkus wie im Leben gibt es aber eine Versuchung, zum Ghetto, zu einer Mikrogesellschaft
zu werden, die zu verlassen nicht mehr notwendig ist. Wir werden uns davor hüten, in diese Falle zu tappen.