Zirkus, auch Unternehmen schreibt der Duden, der Zirkus kommt.
Und was für ein Zirkus: "Que - Cir - Que"! Er kommt aus
Frankreich, hat statt teutonischer "Notausgang" - Schilder drei
sanft beleuchtete "Sorties de secours", ist aus dem erotisch
- poetischen "Cirque O" des Ueli Hirzl hervorgegangen, der auch
die Bar jeder Vernunft mitgegründet hat. Letztere setzt nun
zusammen mit dem Hebbeltheater und dem Tacheles dem Berliner Kulturleben
wieder einmal ein gar nicht grelles, aber um so erinnerlicheres Glanzlicht
auf - am selben Platz wie letztes Jahr der chilenische Zirkus "Popol
Vuh"; auch sein Gastspiel war nur durch die Zusammenarbeit engagierter
Veranstalter möglich geworden.
Zirkus, auch Zirkusvorstellung, weiß der Duden weiter,
der Zirkus beginnt um 20 Uhr und tatsächlich, er beginnt um
diese Zeit und dauert traumkurze anderthalb Stunden. Drei Künstler
(oder große Kinder?) spielen Zirkus: sie haben nicht vielmehr
als zwei Seile, Fahrradschläuche, eine Felge, einen Besen, einen Schuhputzkasten
dabei, ja und ein kubistisches Fahrrad, eine seltsame Schlittenwippe und
ein schweres Rhönrad haben sie sich auch noch gebastelt. Damit spielen
sie, und die Dinge spielen mit ihnen. Jean- Paul Lefeuvre, der athletisch
unerschöpflich belastbare Chaplin - Clown, stoppelhaarig, nur mit
Turnslip bekleidet; Hyacinthe Reisch, der melancholisch-drahtige dumme
August mit Wallehaar; Emanuelle Jaqueline, die stämmige Urfrau mit
Engelsgesicht: sie spielen Dreieck im Kreis, Feinde und Herrscher und Liebende
und Diener und Freunde.
Publikum einer Zirkusvorstellung, auch das ist Zirkus laut Duden,
der ganze Zirkus klatschte. Manchmal vergißt er vor lauter
Atemlosigkeit zu klatschen, solche Augenlust ist er schließlich nicht
gewohnt: ganz ohne Akrobatik-Maschinen, die ihr Leben lang nur eine Staune
- Nummer perfektionieren, ganz ohne Großstadtironiker auch, die wenngleich
hochartistisch, eben jene Nummern nur noch veralbern mögen. Flicflac
gibt's hier nur zum Aufwärmen, kein Crescendo und und kein Tschingderassabum.
Stattdessen fein dosierten Rausch: behutsam dreht "Que - Cir - Que"
die Wahrnehmungsregler hoch und läßt sie auf hohem Niveau oszilieren.
Auch jeder Aufbau, sogar jede Hilfestellung, wirkt wie eine liebevoll choreographierte
Nummer für sich.
Auch die Musik ist eine Figur in diesem Spiel. Diskret grundiert sie
Bilder und Bewegung, mit wiederkehrenden, einander umspielenden Takten,
Einnerung an Kaffeehausgeiger, Tabla - Töne und die gurgelnden Rhythmen
eines Tom Waits. Nur einmal führt ein selbstverliebtes Klimper-Solo
den Felgen-Zauberer Jean-Paul am Gängelband, treibt ihn immer wieder
zurück ins Weitermachen und doch nur in eine neue, zarte Heiterkeit.
Aber halt, wer anfängt, Gesehenes aus "Que - Cir - Que"
nachzuerzählen, hört nicht auf. Zirkelschluß, warnt
der Duden. Plötzlich ist alles zu Ende, und schon im Applaus wird
eine Bar auf die Bühne geschoben, klobig verdeckt sie den Mast und
die Mitte. Die Bühne füllt sich mit Leuten, weg sind die erschöpft
erlösten Gesichter der Akteure, Premierenfeier, der Zirkus ist aus,
und der Zirkus fängt an: großes Aufhebens, Trubel. Für
unsere Augen ein bißchen zu früh.
Sonnabend, 19. November 1994