Die Erde ist eine Scheibe. Glanzlicht, ungrell: “Que - Cir - Que” im Hof des Tacheles.
    von Jan Schulz - Ojala


    Am Anfang war der Kreis. Zirkus, aus lat. circus = Kreis, schreibt der Deutsche Universal-Duden; dieser Zirkus ist das Rund an sich. In wenigen Reihen sitzen die Zuschauer im Kreis, nirgends behindern Pfeiler den Blick, bloß damit die Manege frei bleibt, sondern ganz in der Mitte spielt der Zeltmast Zirkelschenkel, Affenpalme, Traumtrapez. Von seiner Spitze fließt die Zeltbahn ungewinkelt zum niedrigen Rand: weißer, weicher Himmel. Und die Erde ist - nur für heute - noch einmal runde, schwarze, aristotelische Scheibe.

    Zirkus, auch Unternehmen schreibt der Duden, der Zirkus kommt. Und was für ein Zirkus: "Que - Cir - Que"! Er kommt aus Frankreich, hat statt teutonischer "Notausgang" - Schilder drei sanft beleuchtete "Sorties de secours", ist aus dem erotisch - poetischen "Cirque O" des Ueli Hirzl hervorgegangen, der auch die Bar jeder Vernunft mitgegründet hat. Letztere setzt nun zusammen mit dem Hebbeltheater und dem Tacheles dem Berliner Kulturleben wieder einmal ein gar nicht grelles, aber um so erinnerlicheres Glanzlicht auf - am selben Platz wie letztes Jahr der chilenische Zirkus "Popol Vuh"; auch sein Gastspiel war nur durch die Zusammenarbeit engagierter Veranstalter möglich geworden.

    Zirkus, auch Zirkusvorstellung, weiß der Duden weiter, der Zirkus beginnt um 20 Uhr und tatsächlich, er beginnt um diese Zeit und dauert traumkurze anderthalb Stunden. Drei Künstler (oder große Kinder?) spielen Zirkus: sie haben nicht vielmehr als zwei Seile, Fahrradschläuche, eine Felge, einen Besen, einen Schuhputzkasten dabei, ja und ein kubistisches Fahrrad, eine seltsame Schlittenwippe und ein schweres Rhönrad haben sie sich auch noch gebastelt. Damit spielen sie, und die Dinge spielen mit ihnen. Jean- Paul Lefeuvre, der athletisch unerschöpflich belastbare Chaplin - Clown, stoppelhaarig, nur mit Turnslip bekleidet; Hyacinthe Reisch, der melancholisch-drahtige dumme August mit Wallehaar; Emanuelle Jaqueline, die stämmige Urfrau mit Engelsgesicht: sie spielen Dreieck im Kreis, Feinde und Herrscher und Liebende und Diener und Freunde.

    Publikum einer Zirkusvorstellung, auch das ist Zirkus laut Duden, der ganze Zirkus klatschte. Manchmal vergißt er vor lauter Atemlosigkeit zu klatschen, solche Augenlust ist er schließlich nicht gewohnt: ganz ohne Akrobatik-Maschinen, die ihr Leben lang nur eine Staune - Nummer perfektionieren, ganz ohne Großstadtironiker auch, die wenngleich hochartistisch, eben jene Nummern nur noch veralbern mögen. Flicflac gibt's hier nur zum Aufwärmen, kein Crescendo und und kein Tschingderassabum. Stattdessen fein dosierten Rausch: behutsam dreht "Que - Cir - Que" die Wahrnehmungsregler hoch und läßt sie auf hohem Niveau oszilieren. Auch jeder Aufbau, sogar jede Hilfestellung, wirkt wie eine liebevoll choreographierte Nummer für sich.

    Auch die Musik ist eine Figur in diesem Spiel. Diskret grundiert sie Bilder und Bewegung, mit wiederkehrenden, einander umspielenden Takten, Einnerung an Kaffeehausgeiger, Tabla - Töne und die gurgelnden Rhythmen eines Tom Waits. Nur einmal führt ein selbstverliebtes Klimper-Solo den Felgen-Zauberer Jean-Paul am Gängelband, treibt ihn immer wieder zurück ins Weitermachen und doch nur in eine neue, zarte Heiterkeit.

    Aber halt, wer anfängt, Gesehenes aus "Que - Cir - Que" nachzuerzählen, hört nicht auf. Zirkelschluß, warnt der Duden. Plötzlich ist alles zu Ende, und schon im Applaus wird eine Bar auf die Bühne geschoben, klobig verdeckt sie den Mast und die Mitte. Die Bühne füllt sich mit Leuten, weg sind die erschöpft erlösten Gesichter der Akteure, Premierenfeier, der Zirkus ist aus, und der Zirkus fängt an: großes Aufhebens, Trubel. Für unsere Augen ein bißchen zu früh.

    Sonnabend, 19. November 1994