Mit vollen Segeln
von Hiroko Morita
Es war 1992 in Strassburg, als ich Emmanuelle, Jean-Paul und Hyacinthe
kennenlernte. Gerade eben aus Tokyo eingetroffen, habe ich einer Vorstellung
eines dieser Nouveau Cirque, die in Europa gerade in aller
Munde sind, beigewohnt. Cirque O, ihre vorherige Kreation, war also
meine erste Erfahrung mit dieser Art Darbietung. Die Aufführung versetzte
mir einen solchen Schock, dass ich danach glaubte, ein mir bestimmtes spottendes
Lachen über der Manege schwebend wahrzunehmen. Auf dem Rückweg ins Hotel habe ich mich dann verlaufen, ohne Zweifel verwirrt durch dieses Rund - weder ein Vorne noch ein Hinten...
Am nächsten Tag bin ich wiedergekommen, um mich mit den Artisten
zu treffen. Es war kalt. Wir sassen im kleinen Eingangszelt. Die Stuhlbeine
vesanken in der Erde und der Herbstregen klatschte gegen die Plane. Man
hatte Rosinen und Weintrauben auf einer Holtzkiste ausgeschüttet und
die blasse Beleuchtung beschattete diese wie in einem Bilde Rembrandts.
All dies beeindruckte mich stark. So also war das, das Privatleben im Zirkus,
seine dem Publikum verborgene Seite. Aber trotzdem kann man nicht von den
Kulissen des Zirkus sprechen, denn in der Manege durchdringt sich
alles: die Kreation und das Privatleben.
Wie aber kann man diese besondere Welt erfahren und erfassen? Es genügt
mir nicht, die ich hier eine Fremde bin, Sprachbarrieren zu überschreiten.
Um die Dinge zu betrachten, ohne sie zu interpretieren, musste ich alles,
was bisher meine Kultur genährt hatte, hinter mir lassen. Sobald mein
Kopf frei von Worten war, habe ich eines der Geheimnisse des Zirkus
berührt. Wie jeder weiss, braucht im Zirkus der Körper weder
Worte noch Szenario, um zu leben. Es ist der Körper der die Richtung
des Spiels bestimmt, niemals umgekehrt. Und sobald man den Körper
wider seine Natur als Ausdrucksmittel benutzt, stirbt er. Denn der Körper
im Zirkus begehrt nur das Spiel, ohne Sinn und Zweck. Wenn man auf dem
Seil geht, ist das Zirkus. Aber wozu soll es gut sein, auf dem Seil zu
gehen? Es ist absurd. Aber diese Absurdität, die sich weigert, sich in
Worte fassen zu lassen, bildet eine wesentliche Magie des Zirkus.
So habe ich paradoxerweise angefangen über Zirkus zu schreiben. Zurück zu meiner eigenen Kultur, der des Schreibens. Ich wollte
auf meine Weise den Zirkus leben. Dank dieses gedanklichen Balanceaktes
zwischen der Kultur des Körpers und der der Worte, den ich im
Begriffe war zu vollziehen, verstand ich umso besser, was Emmanuelle
in einem Interview sagte: Oft blockiert der Kopf den Körper. Mir zum Beispiel sagte man, ich solle einen Salto machen. Ich antwortete, dass ich dies rein physisch bedingt, nicht schaffe. Und in Wirklichkeit lehnt es aber mein Kopf schlicht aus Angst ab, mir weh tun. Wenn es einem
gelingt, den Kopf frei zu machen, ist man in der Lage einiges im Körper
zu entknoten. Ein schöner Ausdruck entknoten. So kann
der Körper dem Kopf neue Erfahrungen geben. Unsere Welt bleibt oft
abgeschottet; wir erkennen nur das, was wir bereits kennen. Es wäre
also gut, unserem Kopf gelegentlich Schocks zuzumuten. Je mehr man sich
entscheidet, der Entknotung auf der Spur zu sein, desto mehr erweitert
sich die Welt.
Was mich betrifft, so erlaubt mir der Zirkus, die Realität rückwärts
zu schauen. Man stellt sich die Welt im Wohnwagen als stetiges Vagabundendasein
vor, ohne Heim oder Heimat; aber ist es notwendig nach Hause zu kommen,
wenn man immer zu Hause ist, wo immer man sich befindet? Zirkusleute
können die ganze Welt als ihren Garten erleben, sie leben darin nahe
der Natur. Diese Nähe zum Boden erlaubt, die ursprüngliche Kraft
wiederzuentdecken, die uns eigen ist. Und dennoch stehen
sie nicht immer mit den Füssen auf dem Boden. Sie pflegen den Garten
der Fantasie und wenn sie ihren Fantasien Körper verleihen, erschaffen
sie ihre eigene Welt. Durch dieses Schöpfen bewegen sie sich allmählich
in ihrem alltäglichen Leben immer ein wenig weiter. Ich stelle mir
den Zirkus wie ein Schiff vor, denn beide sind auf Reisen. Mein Zirkus-Schiff
fliegt über eine unendliche Wiese, das Zelt-Segel im Wind. Ein luftiges
Bild, ein Symbol der Freiheit.
Es war 1996 in Brüssel, als ich Gelegenheit hatte, das Que-Cir-Que
Schiff zu besuchen. Es ist ein schönes weisses Schiff mit einem Mast.
Dieser Mast steht ungewöhnlicher Weise in der Mitte des Zeltes. Das
Schiff hat so eine einzigartige Bewegung. Es dreht sich wie ein Kreisel
um sich selbst. Seine schwindelerregende Kraft trägt uns fort und
entblösst unsere Kinderherzen. Wir schauen dem unglaublichen und absurden
Spiel zu, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Wie im
Auge des Zyklons erlebt man eine andere Dimension. Bevor ich mich in den
Mittelpunkt dieses angenehmen Wirbels tragen liess, habe ich ihn lange
umkreist. Sicherlich wegen des Mastes, welcher als Achse dieser sich drehenden
Wiese dient. Dies ist die Magie des Que-Cir-Que! Und die Reise geht immer
weiter wie die Bahn, die dies runde Schiff zieht - Abfahrt und Ankunft sind
für immer verschmolzen.